Iserv-Irrsinn

Den „Iserv-Irrsinn“ könnt ihr auch von Linus als Audio vertont genießen.

Montag, 9:00 – Nachdem ich aufgestanden bin, gefrühstückt und mich angezogen habe, setze ich mich an meinen überfüllten Schreibtisch. Ich verlege ein paar unwichtige Zettel auf meinen Stapel mit anderen unwichtigen Zetteln. Muss dringend dringend aufräumen. Danach beginne ich meinen Tag. Ich fahre meinen Computer hoch und melde mich drei mal falsch auf MyCorvey an. Nach dem vierten mal gehe ich auf „Email“. 138 ungelesene Mails. 90 davon sind von der Zeit überholte „Handschuh-Verloren“-Emails, 42 sind nicht an mich adressiert, sondern stammen von diversen Französisch-, Latein- und Spanischkursen,  6 betreffen mich. Die erste erinnert mich an das MyCorvey-Meeting mit meiner Klasse, dass ich um 10:30 habe. Bei den nächsten beiden fehlt der Anhang, eine Lehrerin lobt mich, dass ich die Aufgaben geschickt habe und die letzten beiden Lehrer schreiben nur, dass sie die Aufgaben für diese Woche hochgeladen haben. Da ich aber nicht direkt damit anfangen will, gehe ich erstmal in den Messenger. Hier ist eine riesige Diskussion über die Aufgabenstellung in Mathe ausgebrochen. Da ich diese nicht einmal kenne, versuche ich hochzuscrollen, aber jedes Mal, wenn ich bei den Aufgaben angelangt bin, scrollt Iserv wieder nach unten. Nachdem ich mich über die Matheaufgaben im Klassenchat erkundigt habe, bin ich vollkommen fertig mit den Nerven, obwohl ich nicht mal mit den Aufgaben angefangen habe.

9:30 – Nachdem ich mich erstmal zehn Minuten hingelegt habe, will ich jetzt mit den Aufgaben anfangen. Wobei hier von „wollen“ eigentlich keine Rede sein kann. Die Hälfte der Aufgaben bei „Aufgaben“ sind von letzter oder vorletzter Woche, die anderen haben diverse PDFs oder ODTs geschickt, die ich teilweise nicht öffnen kann. Und das ist noch der beste Fall, denn manche Lehrer und Lehrerinnen haben auch noch den Anhang vergessen. Erfahrungsgemäß werden diese einen Tag vor der Deadline noch hochgeladen. Schönen Dank auch. Nachdem ich jetzt über 10 Fenster mit Aufgaben offen habe, gehe ich zu „Dateien“, da ich einige Fächer nicht bei „Aufgaben“ finde. Ich klicke auf „Gruppen“, dann auf  „Schüler“, dann auf meine Klasse, dann auf „Deutsch“, dann auf „Aufgaben“, dann auf  „Woche 132“, dann auf „Arbeitsaufträge“ und schließlich finde ich die Datei mit Aufgaben. Ich öffne sie. Der erste Satz sticht mir direkt ins Auge: „Die Aufgaben sind bis Dienstag um 10:00 abzugeben.“ Ich atme tief ein und wieder aus. Scheiß drauf. Ich klicke mich den ganzen Weg zurück, bis ich wieder bei meiner Klasse bin und mache das selbe Prozedere von vorne, diesmal mit Kunst.

10:28 – Habe mich durch alle Aufgaben außer Sport durchgeklickt und verschiebe alles außer Kunst auf andere Tage. Ich will gerade mit Kunst anfangen, da fällt mir ein, dass jetzt meine Videokonferenz beginnt. Da es aber weder eine Zoom-, Skype- oder Jitsikonferenz ist, sondern diese neue von Iserv selbst, muss ich erstmal eine halbe Ewigkeit lang einen Echotest durchführen und gut zwanzig mal den Zugriff auf Kamera und Mikrophon erlauben. Schließlich bin ich in der Konferenz und kann einen abgehackten Ton und ein Standbild genießen. Nach einer Weile findet der abgehackte Ton ein Ende und wird mit einer lang andauernden Stille ersetzt. Eine Weile sitze ich nur da und starre meine Klassenkameraden an, wie sie eingefroren mit Fischaugen neben die Kamera starren. Einer bohrt sich sogar in der Nase. Dann entscheide ich dazu, mir ein zweites Frühstück zu machen und schließlich meine Kunstaufgaben fertigzustellen. Als ich meine Schildkröte, die eher aussieht wie eine Schnecke auf diversen bewusstseinserweiternden Substanzen, fertig hingekrakelt habe, endet auch die Konferenz und ich schließe den Tag mit dem Gefühl ab, ungeheuer produktiv gewesen zu sein. Jetzt bin ich einigermaßen platt von MyCorvey, aber vielleicht muss man etwas einsichtig mit den Lehrern sein. Schließlich ist das modernste Gerät, das sie kennen, der Windows 95 aus der Schule.